| Molière
chez Ninon
ou le siècle des grands hommes, 1788
[...]
Vierter Akt
[...]
Fünfzehnte Szene
Christine, Ninon
Christine (zwanglos):
Setzen wir uns nun.
(sie setzt sich und macht Ninon ein Zeichen, sich zu setzen)
Wie dankbar ich dem Prinzen bin, uns allein gelassen zu haben, ich hätte
nicht gewagt, ihn darum zu bitten. Man hätte mein Vorhaben nicht
genauer erraten können.
Ninon:
Der Prinz, Madame, weiß sehr gut, was er macht. Nichts entgeht seiner
Aufmerksamkeit. Das, was an ihm am bewundernswertesten ist, ist, dass
dieser Held, dem niemand widersteht, mit seinen Freunden einfach und bescheiden
ist. Es sind nicht seinesgleichen, die er mit seiner Freundschaft am meisten
beehrt. Er gewährt sie nur dem wahren Verdienst und den großen
Talenten, wenn sie von Gefühlen begleitet sind, die den Menschen
auszeichnen und seinen wahren Charakter zeigen.
Christine:
Wie glücklich sich der französische Hof doch schätzen kann,
in einem Prinzen von seinem Blut einen so großen Heerführer
zu haben. Hätte ich an der Spitze meiner Armeen diesen großen
Kriegsherrn gehabt, dann hätte ich ruhmvoll meine Krone behalten
und mein Volk glücklich machen können. Aber ich habe seine Undankbarkeit
von weitem vorhergesehen, und weil ich nur schwach unterstützt wurde,
bin ich mit derselben Ruhe vom Thron herabgestiegen, mit der ich hinaufgestiegen
bin. Ich habe also die Liebe und das Bedauern meiner Untertanen gesehen.
Umkehr überflüssig! Die Entscheidung wurde gefällt. Ich
habe die Krone von meinem Kopf genommen, um sie selbst auf die Stirn meines
Nachfolgers zu setzen. Diese Abdankung hat die Geister beruhigt, und als
Herrin über mein Schicksal ohne Rang und ohne Glanz habe ich begonnen,
über mich selbst zu herrschen.
Ninon:
Der gewöhnliche Mensch betrachtet eine Krone als ein Geschenk des
Himmels, aber ich erkenne unschwer, Madame, dass die Könige die Opfer
dieses Vorurteils sind und dass, indem sie alles für das Glück
ihrer Untertanen tun, sie noch nicht genug getan haben. Sie geben Gesetze
und sind doch Sklaven inmitten all des Glanzes, der sie umgibt.
Christine:
Fügen Sie noch hinzu, dass sie es ihren grausamen Pflichten gegenüber
sind. Ein König hat weder das Recht zu denken noch zu handeln wie
ein gewöhnlicher Mensch. Immer sich vorsehend, immer unter Beobachtung
und zu jeder Stunde des Tages gezwungen, eine falsche Person zu zeigen,
wird er am Ende dieser allzu beschwerlichen Rolle müde, und wenn
er genug Geistesgröße besitzt, reißt er ihr die Maske
herunter und nimmt ohne Mühe seinen wahren Charakter wieder an.
Ninon:
Alle Herrscher denken wie Sie, Madame. Aber wer ist derjenige, der den
Mut haben wird, es Ihnen gleich zu tun. Es ist so schmeichelhaft für
die Eitelkeit, einem ganzen Volk zu befehlen und von ihm bewundert zu
werden.
Christine:
Diese Liebe ist der Laune so Untertan! Glauben Sie mir, Mademoiselle,
ich habe meinen Staat nicht aus Hochmut verlassen und nicht aus Unzufriedenheit,
aber ich wollte mich nicht der Gehässigkeit meiner Untertanen aussetzen,
nachdem ich meine Neigung geopfert habe, um ihr Glück zu sichern.
Ninon:
Weil Sie die Krone abgegeben haben, sind Sie in den Augen der Welt noch
größer.
Christine:
Brechen wir hier ab, Mademoiselle de l’Enclos, und lassen wir die
Last der Krone denjenigen, die damit betraut sind. Ich habe mit Ihnen
zu viel über dieses Thema geredet, aber ich wollte Ihnen meine Seele
vollständig öffnen. Sprechen wir nun über Ihre Freunde,
über Ihre Gesellschaft. Man sagt, dass sie reizend ist, dass sie
die Männer von größtem Verdienst, größtem Geist,
erstem Rang vereinigt, dass sich schließlich die beste Gesellschaft
von Paris bei Ihnen einfindet.
Ninon:
Es ist wahr, Madame, dass sich fast alle Männer meiner Gesellschaft
ihrem Jahrhundert als empfehlenswert erwiesen haben und dass ich das Glück
habe, sie bei mir zu versammeln, ohne dass etwas diese Vereinigung stören
könnte.
Christine:
Das spricht für sie und ich wundere mich nicht, dass Sie die Eifersucht
der Frauen erregen und besonders die der Prüden.
Ninon:
Das sind die Schulmeister, die Zensoren der Liebe.
Christine:
Sie tun der Liebe einen weitaus größeren Gefallen. Man sagt
auch, dass es in ihrem Haus ist, wo sie Hof hält.
Ninon:
Es stimmt, dass sie mir recht geneigt ist. Aber ich wollte, dass dieser
Gott wie Thetis wäre, dass er mich den Beeinträchtigungen des
Alters gegenüber unverwundbar machen und dass er meine Falten unter
der Ferse verbergen würde, damit ich noch lange seinen Gesetzen unterworfen
wäre.
Christine:
Das ist reizend! Niemand ist liebenswerter, wahrhaftiger, offenherziger.
Aber unter welchem Gesichtspunkt betrachten sie die Liebe? Warum bedeutet
sie den einen das Glück und den anderen die Qual? Ich meine gehört
zu haben, dass Sie sie philosophisch betrachten.
Ninon:
Bis zu einem gewissen Punkt. Es haben mich jedoch die Umstände und
besonders die Kriegsgeschehnisse manchmal einer Änderung ausgesetzt.
Ich habe mich sogar gezwungen gesehen, in gewissen Fällen die Liebe
in meinem Herzen zu unterdrücken, um denjenigen, den ich liebe, dem
Ruhm zu überlassen. Aber wenn man sie betrachtet, so wie sie ist,
erscheint mir die Liebe nur wie eine auf die Sinne gegründete Vorliebe,
ein blindes Gefühl, das in dem Objekt, das es hervorruft, keinen
Verdienst voraussetzt und ihn zu keiner Gegenseitigkeit veranlasst. Mit
einem Wort: eine Laune, deren Dauer nicht von uns abhängt und der
Abscheu und Reue folgen.
Christine (steht auf):
Was für eine Frau! In ihrer Seele gibt es mehr Heldenmut als Schwäche.
Meine gute Freundin! Sie werden mir erlauben, Sie von nun an so zu nennen.
Ninon:
Ich werde alles tun, um diese Gunst zu erhalten. Aber womit habe ich sie
verdienen können?
Christine:
Durch die Eigenschaften, die Sie über Ihr Geschlecht erheben. Ich
wünschte, Ninon, dass ein glücklicher Umstand euch mir näher
brächte. Sie sind [bis jetzt] nicht gereist, Sie sollten mich nach
Rom begleiten.
Ninon:
D as wäre nach meinem Geschmack und meinem Wunsch, wenn ich mich
nur nach meiner Freude und meinem Ruhm richtete, aber, große Königin,
die Welt hat offene Augen für Sie, es erklingt Ihr Loblied und vielleicht
würde sich ihre Stimme in Spott verwandeln. Sind sie nicht Zeugin
gewesen, Madame, wie sehr ich Neid und Verleumdung hervorgerufen habe?
Und was würde geschehen, wenn man mich in Ihrem Gefolge sähe?
Ihre Geistesgröße und Ihre Tugenden stellen Sie über den
Tadel, aber mit mir, Madame, wären Sie davon nicht frei. Es fällt
mir zweifellos schwer, einen so schmeichelhaften Vorschlag zurückzuweisen,
aber ich schaue nur auf Ihren Ruhm.
Christine:
Ich bin von der Aufrichtigkeit und Feinheit Ihrer Gefühle überzeugt
und bestehe nicht mehr darauf zu wollen, was ich am meisten gewünscht
hätte und das wäre, mich mit Ihnen auf meiner Reise weiterzubilden.
Nichtsdestotrotz würde ich Ihnen, meine liebe l’Enclos, sagen,
dass wir den Ruhm nur für unsere Freunde lieben. Wenn man Selbstwertschätzung
besitzt, steht man über den Vorurteilen. Derjenige, der den Lauf
des Lebens mit einem philosophischen Auge betrachtet, hält sich nicht
mit den eitlen Meinungen der Menschen auf, er wird glücklich in der
Gesellschaft derjenigen, die mit ihm sympathisieren, ohne populäre
Ideen anzunehmen. Das sind seine Vorzüge, das ist seine Überlegenheit,
alles andere ist das Ergebnis seiner Unbesonnenheit.
Ninon:
Madame, sie drücken sich mit soviel Kraft aus, dass ich nichts zu
antworten vermag. Ihre Argumente finden keine Entgegnung. Deshalb, Madame,
verfügen sie über mich, ich bin bereit, Ihnen zu folgen.
Christine:
Nein, meine liebe Ninon, Sie werden nicht alleine großzügig
sein. Sie haben mit Ihrer Absage nur auf meinen Ruhm geachtet, und ich,
ich schaue nur auf meine Befriedigung, wenn ich Sie aus der Gesellschaft
reiße, der sie zärtlich verbunden sein müssen. Sie werden
von ihr bewundert, stellen deren Zierde und Stolz dar. Bleiben Sie in
den Gefilden, in denen man Ihre Gegenwart schätzt, ich werde mich
darauf beschränken, Ihnen zu schreiben, ich will unsere Bekanntschaft
in einer liebenswürdigen Korrespondenz erhalten.
Ninon:
Es ist dieser Moment, von dem an mein wahres Glück zählt. Es
ist also nur Christine von Schweden, bei der ich eine Verwandtschaft zu
meiner Art des Denkens habe finden können. Aber um ihrer würdig
zu sein, hätte ich einiger ihrer Tugenden bedurft.
Christine:
Ah! Sie besitzen mir gegenüber die größeren Vorzüge!
Aber seien wir gleich, Ninon, und weil uns ja alles von der Natur gegeben
ist und weil sie so viel Bezug zwischen uns hergestellt hat, erfüllen
wir ihren Zweck, indem wir in unsere Verbindung die ganze Freundschaft
einer zarten Geschwisterlichkeit legen.
Ninon:
Sie erfüllen mich mit dieser Gunst.
Christine:
Ich wäre sehr neugierig, Ihre Gesellschaft zu sehen, ihre Freunde,
unter anderem den berühmten Molière und den Philosophen Scaron.
Man sagt, dass er sein Leiden mit bewundernswertrer Fröhlichkeit
erträgt.
Ninon:
Man muss ihn sehen, Madame, um sich davon zu überzeugen. Sie sind
alle beide hier bei mir gemeinsam mit der liebenswerten Madame Scaron,
genauso wie der Großteil meiner Freunde, die alle nur darauf warten,
Ihre erhabene Gegenwart zu genießen.
[...]
© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008
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