Olympe de Gouges (1748 - 1793)
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Molière chez Ninon
ou le siècle des grands hommes, 1788



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Vierter Akt

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Fünfzehnte Szene
Christine, Ninon

Christine (zwanglos):
Setzen wir uns nun.
(sie setzt sich und macht Ninon ein Zeichen, sich zu setzen)
Wie dankbar ich dem Prinzen bin, uns allein gelassen zu haben, ich hätte nicht gewagt, ihn darum zu bitten. Man hätte mein Vorhaben nicht genauer erraten können.

Ninon:
Der Prinz, Madame, weiß sehr gut, was er macht. Nichts entgeht seiner Aufmerksamkeit. Das, was an ihm am bewundernswertesten ist, ist, dass dieser Held, dem niemand widersteht, mit seinen Freunden einfach und bescheiden ist. Es sind nicht seinesgleichen, die er mit seiner Freundschaft am meisten beehrt. Er gewährt sie nur dem wahren Verdienst und den großen Talenten, wenn sie von Gefühlen begleitet sind, die den Menschen auszeichnen und seinen wahren Charakter zeigen.

Christine:
Wie glücklich sich der französische Hof doch schätzen kann, in einem Prinzen von seinem Blut einen so großen Heerführer zu haben. Hätte ich an der Spitze meiner Armeen diesen großen Kriegsherrn gehabt, dann hätte ich ruhmvoll meine Krone behalten und mein Volk glücklich machen können. Aber ich habe seine Undankbarkeit von weitem vorhergesehen, und weil ich nur schwach unterstützt wurde, bin ich mit derselben Ruhe vom Thron herabgestiegen, mit der ich hinaufgestiegen bin. Ich habe also die Liebe und das Bedauern meiner Untertanen gesehen. Umkehr überflüssig! Die Entscheidung wurde gefällt. Ich habe die Krone von meinem Kopf genommen, um sie selbst auf die Stirn meines Nachfolgers zu setzen. Diese Abdankung hat die Geister beruhigt, und als Herrin über mein Schicksal ohne Rang und ohne Glanz habe ich begonnen, über mich selbst zu herrschen.

Ninon:
Der gewöhnliche Mensch betrachtet eine Krone als ein Geschenk des Himmels, aber ich erkenne unschwer, Madame, dass die Könige die Opfer dieses Vorurteils sind und dass, indem sie alles für das Glück ihrer Untertanen tun, sie noch nicht genug getan haben. Sie geben Gesetze und sind doch Sklaven inmitten all des Glanzes, der sie umgibt.

Christine:
Fügen Sie noch hinzu, dass sie es ihren grausamen Pflichten gegenüber sind. Ein König hat weder das Recht zu denken noch zu handeln wie ein gewöhnlicher Mensch. Immer sich vorsehend, immer unter Beobachtung und zu jeder Stunde des Tages gezwungen, eine falsche Person zu zeigen, wird er am Ende dieser allzu beschwerlichen Rolle müde, und wenn er genug Geistesgröße besitzt, reißt er ihr die Maske herunter und nimmt ohne Mühe seinen wahren Charakter wieder an.

Ninon:
Alle Herrscher denken wie Sie, Madame. Aber wer ist derjenige, der den Mut haben wird, es Ihnen gleich zu tun. Es ist so schmeichelhaft für die Eitelkeit, einem ganzen Volk zu befehlen und von ihm bewundert zu werden.

Christine:
Diese Liebe ist der Laune so Untertan! Glauben Sie mir, Mademoiselle, ich habe meinen Staat nicht aus Hochmut verlassen und nicht aus Unzufriedenheit, aber ich wollte mich nicht der Gehässigkeit meiner Untertanen aussetzen, nachdem ich meine Neigung geopfert habe, um ihr Glück zu sichern.

Ninon:
Weil Sie die Krone abgegeben haben, sind Sie in den Augen der Welt noch größer.

Christine:
Brechen wir hier ab, Mademoiselle de l’Enclos, und lassen wir die Last der Krone denjenigen, die damit betraut sind. Ich habe mit Ihnen zu viel über dieses Thema geredet, aber ich wollte Ihnen meine Seele vollständig öffnen. Sprechen wir nun über Ihre Freunde, über Ihre Gesellschaft. Man sagt, dass sie reizend ist, dass sie die Männer von größtem Verdienst, größtem Geist, erstem Rang vereinigt, dass sich schließlich die beste Gesellschaft von Paris bei Ihnen einfindet.

Ninon:
Es ist wahr, Madame, dass sich fast alle Männer meiner Gesellschaft ihrem Jahrhundert als empfehlenswert erwiesen haben und dass ich das Glück habe, sie bei mir zu versammeln, ohne dass etwas diese Vereinigung stören könnte.

Christine:
Das spricht für sie und ich wundere mich nicht, dass Sie die Eifersucht der Frauen erregen und besonders die der Prüden.

Ninon:
Das sind die Schulmeister, die Zensoren der Liebe.

Christine:
Sie tun der Liebe einen weitaus größeren Gefallen. Man sagt auch, dass es in ihrem Haus ist, wo sie Hof hält.

Ninon:
Es stimmt, dass sie mir recht geneigt ist. Aber ich wollte, dass dieser Gott wie Thetis wäre, dass er mich den Beeinträchtigungen des Alters gegenüber unverwundbar machen und dass er meine Falten unter der Ferse verbergen würde, damit ich noch lange seinen Gesetzen unterworfen wäre.

Christine:
Das ist reizend! Niemand ist liebenswerter, wahrhaftiger, offenherziger. Aber unter welchem Gesichtspunkt betrachten sie die Liebe? Warum bedeutet sie den einen das Glück und den anderen die Qual? Ich meine gehört zu haben, dass Sie sie philosophisch betrachten.

Ninon:
Bis zu einem gewissen Punkt. Es haben mich jedoch die Umstände und besonders die Kriegsgeschehnisse manchmal einer Änderung ausgesetzt. Ich habe mich sogar gezwungen gesehen, in gewissen Fällen die Liebe in meinem Herzen zu unterdrücken, um denjenigen, den ich liebe, dem Ruhm zu überlassen. Aber wenn man sie betrachtet, so wie sie ist, erscheint mir die Liebe nur wie eine auf die Sinne gegründete Vorliebe, ein blindes Gefühl, das in dem Objekt, das es hervorruft, keinen Verdienst voraussetzt und ihn zu keiner Gegenseitigkeit veranlasst. Mit einem Wort: eine Laune, deren Dauer nicht von uns abhängt und der Abscheu und Reue folgen.

Christine (steht auf):
Was für eine Frau! In ihrer Seele gibt es mehr Heldenmut als Schwäche. Meine gute Freundin! Sie werden mir erlauben, Sie von nun an so zu nennen.

Ninon:
Ich werde alles tun, um diese Gunst zu erhalten. Aber womit habe ich sie verdienen können?

Christine:
Durch die Eigenschaften, die Sie über Ihr Geschlecht erheben. Ich wünschte, Ninon, dass ein glücklicher Umstand euch mir näher brächte. Sie sind [bis jetzt] nicht gereist, Sie sollten mich nach Rom begleiten.

Ninon:
D as wäre nach meinem Geschmack und meinem Wunsch, wenn ich mich nur nach meiner Freude und meinem Ruhm richtete, aber, große Königin, die Welt hat offene Augen für Sie, es erklingt Ihr Loblied und vielleicht würde sich ihre Stimme in Spott verwandeln. Sind sie nicht Zeugin gewesen, Madame, wie sehr ich Neid und Verleumdung hervorgerufen habe? Und was würde geschehen, wenn man mich in Ihrem Gefolge sähe? Ihre Geistesgröße und Ihre Tugenden stellen Sie über den Tadel, aber mit mir, Madame, wären Sie davon nicht frei. Es fällt mir zweifellos schwer, einen so schmeichelhaften Vorschlag zurückzuweisen, aber ich schaue nur auf Ihren Ruhm.

Christine:
Ich bin von der Aufrichtigkeit und Feinheit Ihrer Gefühle überzeugt und bestehe nicht mehr darauf zu wollen, was ich am meisten gewünscht hätte und das wäre, mich mit Ihnen auf meiner Reise weiterzubilden. Nichtsdestotrotz würde ich Ihnen, meine liebe l’Enclos, sagen, dass wir den Ruhm nur für unsere Freunde lieben. Wenn man Selbstwertschätzung besitzt, steht man über den Vorurteilen. Derjenige, der den Lauf des Lebens mit einem philosophischen Auge betrachtet, hält sich nicht mit den eitlen Meinungen der Menschen auf, er wird glücklich in der Gesellschaft derjenigen, die mit ihm sympathisieren, ohne populäre Ideen anzunehmen. Das sind seine Vorzüge, das ist seine Überlegenheit, alles andere ist das Ergebnis seiner Unbesonnenheit.

Ninon:
Madame, sie drücken sich mit soviel Kraft aus, dass ich nichts zu antworten vermag. Ihre Argumente finden keine Entgegnung. Deshalb, Madame, verfügen sie über mich, ich bin bereit, Ihnen zu folgen.

Christine:
Nein, meine liebe Ninon, Sie werden nicht alleine großzügig sein. Sie haben mit Ihrer Absage nur auf meinen Ruhm geachtet, und ich, ich schaue nur auf meine Befriedigung, wenn ich Sie aus der Gesellschaft reiße, der sie zärtlich verbunden sein müssen. Sie werden von ihr bewundert, stellen deren Zierde und Stolz dar. Bleiben Sie in den Gefilden, in denen man Ihre Gegenwart schätzt, ich werde mich darauf beschränken, Ihnen zu schreiben, ich will unsere Bekanntschaft in einer liebenswürdigen Korrespondenz erhalten.

Ninon:
Es ist dieser Moment, von dem an mein wahres Glück zählt. Es ist also nur Christine von Schweden, bei der ich eine Verwandtschaft zu meiner Art des Denkens habe finden können. Aber um ihrer würdig zu sein, hätte ich einiger ihrer Tugenden bedurft.

Christine:
Ah! Sie besitzen mir gegenüber die größeren Vorzüge! Aber seien wir gleich, Ninon, und weil uns ja alles von der Natur gegeben ist und weil sie so viel Bezug zwischen uns hergestellt hat, erfüllen wir ihren Zweck, indem wir in unsere Verbindung die ganze Freundschaft einer zarten Geschwisterlichkeit legen.

Ninon:
Sie erfüllen mich mit dieser Gunst.

Christine:
Ich wäre sehr neugierig, Ihre Gesellschaft zu sehen, ihre Freunde, unter anderem den berühmten Molière und den Philosophen Scaron. Man sagt, dass er sein Leiden mit bewundernswertrer Fröhlichkeit erträgt.

Ninon:
Man muss ihn sehen, Madame, um sich davon zu überzeugen. Sie sind alle beide hier bei mir gemeinsam mit der liebenswerten Madame Scaron, genauso wie der Großteil meiner Freunde, die alle nur darauf warten, Ihre erhabene Gegenwart zu genießen.

[...]




© Übersetzung: Viktoria Frysak, Corinne Walter 2008
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